Literatursalon Andersen





Litsalon Andersen



Literatursalon: H. C. Andersen –
die Sprache der Natur


Andersen!
– der anspruchsvolle Leser hebt abwehrend die Hände um die
leichtgewichtigen Märchen von sich weisen. Allerdings wäre es schade,
geübten und erfahrenen Lesern unsere Erkenntnisse über Andersens
eigentümliche Sprache, Sujetwahl, Metaphern und schriftstellerische
Intentionen vorzuenthalten, denn die vordergründig rührenden
Geschichten vermögen auch den Geist anzurühren, und es lassen sich bei
aufmerksamem Lesen verschiedene poetologische Konzepte erkennen, wie
eine Sprache der Natur, die uns hier beschäftigen soll.

Dirk,
einer der Salonbesucher, stellte in seinem ersten Statement fest, daß
für ihn als Kind der Märchenonkel aus Dänemark eindeutig “der Gute”
war, weil seine Märchen grundsätzlich etwas Gutes im Sinn hatten – was
ein oberflächlicher Vergleich zB mit Grimms Rotkäppchen, Schneewittchen
usw leicht zeigen kann. Irgendwie ist das bei Andersen anders, Kinder
merken das schnell. Erwachsene haben die Gabe der intuitiven Auffassung
anscheinend verloren und müssen dann eben die Mühen der rationalen
Reflektion auf sich nehmen. Im folgenden werde ich zunächst einen
Einblick in die behandelte Literatur geben und sodann das Gespräch der
Literaturrunde widergeben.

Die Naturmärchen Andersens


Wie
jeder unserer Literatursalons hatte auch dieser entsprechend dem
Konzept der Zukunftswerkstatt eine erste Phase der Bestandsaufnahme, in
der gemeinsam Texte gelesen wurden, worin Andersen einen nicht
unbedingt den Menschen zum Mittelpunkt nehmenden Blick auf die Welt
gibt, sondern aus der Perspektive eines Mistkäfers, eines häßlichen
Entleins oder eines Rosenelfs schreibt (“Der Mistkäfer” – “Das häßliche
junge Entlein” – “Der Rosenelf”). Es überrascht etwas, aber dann ist es
doch ganz leicht, weil logisch, die Mistkäfergeschichte mit der Stimme
eines boshaften Märchenonkels zu lesen. Und beim Rosenelf bedarf es
eines dämonischen Flairs, das sonst vielleicht bei Baudelaires Blumen
des Bösen und manchen Symbolisten zu finden ist. Es gibt bei Andersen
eine große Zahl von Geschichten, die von Tieren und Pflanzen handeln,
und bei denen sich statt der anthropozentrischen Weltsicht eine
Perspektive aus Sicht der Pflanzen, Schnecken und andern Kleingetiers
findet. Dabei lassen sich wie bei dem erwähnten Rosenelf auch komplexe
psychologische Zusammenhänge schildern, und der Mistkäfer entwickelt
eine Arroganz und Niedertracht, die vermutlich einerseits auf einen
verhaßten Politiker am dänischen Hof gemünzt ist, andrerseits wie bei
der Fabel den Tieren die Fähigkeit zu fühlen und zu denken zugesteht.

Diese
Beseeltheit gilt auch für Planzen, aus deren Lebensumfeld und möglicher
Wahrnehmung Andersen die Geschichten von Buchweizen, Flachs,
Gänseblümchen und Schneeglöckchen erzählt (“Der Buchweizen” – “Der
Flachs” – “Das Gänseblümchen” – “Das Schneeglöckchen”). Mögen Pflanzen
wie Buchweizen und Flachs primär von wirtschaftlichem Interesse für die
Menschen sein, so drücken andere, wie das in einen Liebesbrief
gesteckte Schneeglöckchen, eine innige Beziehung zu der stummen Welt
der Pflanzen aus. Es kommt nur darauf an, diese Blume als handelnde
Hauptperson der Geschichte zu begreifen. Zwar bedient die Erzählung
sich unserer menschlichen Begrifflichkeit, aber wenn wir uns
ehrlicherweise eingestehen, nicht wirklich zu wissen, was Liebe
eigentlich ist, dann wäre es durchaus möglich, daß ein Schneeglöckchen
als Bote dieser Liebe mehr davon weiß. Und daß ein Mensch in einer
Blume geboren wird, wie es Däumelinchen geschieht, ist nicht nur ein
Fall für die Psychoanalyse, die möglicherweise eine peinliche
Verdrängungsleistung ins Feld führen wird, sondern eine ebenso
ästhetische wie von Naturliebe zeugende Genealogie: die Blume wird über
die Menschen gestellt, und da kommen wir her! Der Versuch, die allzu
menschliche Perspektive zu verlassen, wenngleich man sich ihrer Sprache
bedient, hat Andersen den Gedanken eingegeben, ein Buch der Natur zu
verfassen, bzw dies einen seiner märchenhaften Protagonisten machen zu
lassen, und zwar in der Geschichte “Das stumme Buch”, wo ein
Naturforscher ein Herbarium angelegt hat und darin Trost für sein
gescheitertes Leben findet. Andersen war wie der befreundete Romantiker
und Naturforscher Chamisso den Naturwissenschaften mit Interesse
zugewandt, denen beiden ein Herbarium nicht nur eine wissenschaftliche
Arbeit sondern ein tiefes Gefühl bedeutete. Und wenn der gescheiterte
Forscher sein Herbarium mit ins Grab nehmen will, ist das keineswegs
eine weitere Sentimentalität sondern bedeutet rein sachlich das
Verbergen wissenschaftlicher Forschung vor der Öffentlichkeit – und ein
Bewahren des Geheimnisses der Natur. Man stelle sich vor, wenn die
Entdecker des 2011 im Labor erzeugten Vogelgrippesupervirus ebenso
verfahren wären! Somit haben wir in Form eines romantischen Märchens
einen Beitrag zum wissenschaftsethischen Diskurs.

In weiteren
Geschichten erleben wir aus Sicht der Störche, wie die Dorfkinder für
Tierquälerei bestraft werden, wir erfahren von der Unkenntnis des
Kaisers von China bezüglich seiner Nachtigal, und auf dem Hühnerhof
(“Die Störche” – “Die Nachtigall” – “Hofhahn und Wetterhahn”) möchte
man an eine Satire auf das menschliche Gesellschaftsleben denken, wenn
der Hahn verkündet, daß er Eier legen kann, “wenn ich es im Hühnerhof
der Welt befehle!” Also vonwegen Andersen wäre unpolitisch. Für soziale
Gerechtigkeit sorgt bei Andersen ein Kanarienvogel: “Es war eine arme,
arme Frau … und ihr Mann war gestorben.” Sie hatte weder Geld um
Essen noch um einen Sarg zu kaufen. Da flog ein Kanarienvogel ins
Zimmer, setzte sich neben den Toten und sang, “du darfst nicht so
traurig sein” … ok, es geht aber noch weiter, denn als die Frau den
Vogel seinen Besitzern zurückbringt, bekommt sie Geld für den Sarg und
darf fortan jeden Tag zu den Leuten essen kommen. – Unmännlich findet
das der dänische Kritker Georg Brandes 30 Jahre nach Andersens Tod,
“Sein Geist entbehrte gänzlich der Angriffswaffen. … Aus dem armen,
tausendfach gedemütigten Kind des Volkes” sei ein “großer Mann”
geworden, aber “Ein Mann wurde er nicht. Im Gemüt des Kindes aus dem
Volke schlummerte auch nicht der leiseste Keim von Männlichkeit”.

Die Diskussion


Wie
sich die Zeit doch ändert: heute mäkelt keiner mehr an Andersens
sexueller Orientierung rum, jedenfalls nicht im Literatursalon. Zumal
Brandes Ausführungen nicht nur unfair sondern ziemlich ideologisch
sind. Und der Versuch der Schwulen Community, Andersen sich
einzuverleiben, ist reichlich spekulativ, interessiert aber heute auch
kaum jemand. Kann zunehmende Toleranz den Blick auf das Wesentliche
öffnen? Jedenfalls bin ich bei dem Publikum dieses Salons vielen
Vorurteilen nicht begegnet. die zu befürchten wären. Statt dessen ging
es bis nach Mitternacht, und wir haben sogar noch mehr gelesen, um
Diskussionsstoff zu haben. Ein Glück, daß das nicht an der Uni war, da
laufen die Studis weg, sowie die Zeit abgelaufen ist. Der
Literatursalon im Osnabrücker Big Buttinsky ist in der Lage einen
befreiten Raum zu schaffen, wo Zeitdruck, ideologische
Lebens(un)wirklichkeit und Alltagskonditionierung draußen bleiben. Da
kommen einem die besten Ideen. Und Tino die rätselhaftesten. Was meint
er mit “Schneeglöckchen = Denkmal”? Und “Wiedergeburt / Abstammung /
Metamorphose”? … wir werden sehen!

Ich versuche als Moderator
die Ideen der Literaturrunde im Telegrammstil auf der Tafel
zusammenzufassen, und manchmal ist es schwer zuzuhören und gleichzeitig
zu schreiben. Oft sind die Leute so inspiriert von der Literatur und
noch mehr von ihren eigenen Ideen, daß die Gedanken schneller springen
als man sie fassen kann. Dieses Phänomen bedauerte Friedrich als erster
der Runde, denn wenn man die Geschichten unkritisch läse, wären sie
doch ganz schön. Damit konnte er sich aber nicht halten nach Tinos
theoretischem Exzess zum bereits erwähnte Schneeglöckchen, den Klaus
abzumildern versuchte als lakonischen Humor. Da Andersen mehr im Ruf
eines Naiven steht, gewinnt er mit dem Humor an bemerkenswerten
Eigenschaften. Um Friedrichs Beitrag nicht ganz zu übergehen, sei
gesagt, daß einige in unserer Runde nicht etwa literarisch skrupellos
sind, sondern durch die Diskussion noch mehr von der Schönheit eines
literarischen Kunstwerks entdecken wollen. Mit Matthias Frage nach
Andersens Psyche, ohne allerdings eine polemische Richtung vorzugeben,
entfernen wir uns leider noch weiter von dem
l’art-puer-l’art-Standpunkt. Worauf Friedrich zwar einlenkte, jedoch
eine neue Position behauptete, daß nämlich Andersens Naturschilderungen
eine besondere Wertschätzung (Moral) vermittelten. Die Sorge, daß die
schönen Geschichten durchs drüber Reden kaputt gemacht würden, war also
vom Tisch. Am interessantesten ist es zu beobachten, wie die Gedanken
und teilweise unfertigen Ideen von einem zum andern überspringen, es
ist nämlich nicht so, daß jeder schon vorher weiß, was er sagen will
(das wären bloß langweilige Verlautbarungen), und wenn ein Satz nicht
ordnungsgemäß mit Verbalklammer und Punkt beendet wird, kann man auf
den nächsten Einfall gespannt sein.

Matthias ist mit dieser
phantasievollen Diskussion aber nicht zufrieden, vor allem ist ihm gar
nicht klar, welche Bedeutung der Natur bei Andersen beizumessen ist,
von einer Sprache der Natur, wie es in der Einladung zu dem Salon hieß,
ganz zu schweigen. Damit trifft er mein eigenes Anliegen – aber,
Matthias – was soll ich machen, wenn man hier lieber über andere Fragen
redet? Vielleicht schließt sich der Kreis ja noch, der Ausgang solcher
Gesprächsrunden ist vorher nie abzusehen. Mit deinem Einverständnis
beschränke ich mich weiter aufs Moderieren und hoffe, daß am Ende alle
zufrieden sind. Obwohl ich fürchte, daß ich den weiteren Verlauf des
Gesprächs vielleicht nicht richtig erfaßt habe, mir schien aber, daß
Tino Matthias zuliebe von seiner gewagten Metamorphose zurücktreten
wollte und bereit war, die symbolischen Bedeutungen bei Andersen auf
eine konkrete Änderung des sozialen Verhaltens in unserm Leben zu
beziehen. Letztlich habe Andersen ja immer die Lebensverhältnisse der
einfachen Menschen wie auch der gehobenen Klasse vor Augen gehabt und
deren Konflikte auf seine Weise schildern wollen.

Schade habe
ich gedacht und Matthias anscheinend auch, denn für die bösen Blumen
des Rosenelfs sei es eine zu einfache Interpretation, hier nur der
menschlichen Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen, Rache sei eine ganz
andre Dimension. Klaus möchte es auch weniger einfach, denn eine rote
Blume stehe nicht automatisch für Kriegstote … und von der
Metamorphose, welcher Art auch immer, sind wir noch weit entfernt. Oder
auch nicht, denn irgendwie sickert das mit der Wiedergeburt und
Metamorphose durch die Gedanken und Worte hindurch. Auch die Frage nach
dem Woher wir kommen, das heißt, ob es eine innige Verbindung zwischen
anderen Lebensformen und uns Menschen gibt, ja, das hatte Tino in
seinem ersten uferlosen Beitrag angedeutet, und dafür sollte das
Schneeglöckchen ein Denkmal – oder sagen wir lieber – ein Symbol sein,
diese Frage hat eine gefühlte Beantwortung erfahren. Darin, so befand
am Ende Dirk, spiegele sich das menschliche Bewußtsein, wir brauchen
diese Spiegel oder Symbole, um zB. ein Unrecht nicht zu vergessen, oder
eine enttäuschte Liebe. Was jeder im Umgang mit Haustieren erleben
kann, ist eine Speziesbegegnung. Es gibt soetwas wie eine Verwandschaft
der Menschen mit den andern Wesen der Natur, angesichts derer man
durchaus das Gefühl einer Metamorphose haben kann.

Die Sprache
der Natur, wie klingt sie? Da sie doch mithilfe unseres gewöhnlichen
Wortschatzes und der üblichen Grammatik geschrieben wird? Selbst die
anthropozentrische Perspektive läßt sich bestenfalls etwas verbergen,
aber wenn sie damit vorgeben will, gar nicht vorhanden zu sein, könnte
das bloß eine raffiniertere Menschensicht sein. – Gut, wer das
befürchtet, dem muten wir noch einige 100 Seiten von Tolstois
Leinwandmesser oder Londons Wolfsblut zu, und einstweilen bleiben wir
dabei, daß Andersen mit der geänderten Perspektive eine andere Sprache
der Natur gefunden hat. In der glücklichen Schneckenfamilie kam man zu
dem Schluß, “daß alle Menschen in der Welt ausgestorben seien … und
sie waren sehr glücklich.”

Herrmann Cropp


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